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Schulzes und das Online-Shopping

Schöne neue Welt oder Teufelskreislauf?

„Vorsicht, Feli, stoß’ nicht gegen das Stuhlbein“, ermahnte Herr Schulze seine Enkelin, die auf allen Vieren durchs Wohnzimmer krabbelte. „Papa, das sieht sie doch selbst“, warf Kathrin ein. „Sie ist doch schon fast ein Jahr, und da kannst du sie nicht in Watte packen.“ „Du hast ja recht, aber sie ist doch noch so empfindlich. – Gisela, pass doch auf mit dem heißen Kaffee“, wandte er sich an seine Frau, die gerade mit einer großen Kanne das Zimmer betrat.“ „Denkst du denn, ich bin blind“, gab diese ein wenig gereizt zurück. Schwiegersohn Peter, der das gemütliche gemeinsame Frühstück in Gefahr sah, meldete sich begütigend zu Wort: „Bernd hat schon recht, auf Feli müssen wir gut aufpassen. Aber wir dürfen es auch nicht übertreiben, nicht wahr?“ Zustimmendes Nicken in der Runde!

Wenn die Geschäfte dicht machen …

Während Frau Schulze den Kaffee einschenkte, erzählte Kathrin: „Das neue T-Shirt mit den lustigen bunten Käfern habe ich im Internet gekauft. Ist ja so bequem, ich kaufe fast alles online.“ Herr Schulze schüttelte missbilligend den Kopf. „Stimmt was  nicht, Papa?“ „Was meinst du wohl, was geschieht, wenn wir alle alles im Internet kaufen?“ Peter wusste gleich, worauf sein Schwiegervater hinaus wollte: „Das ist doch klar, alle Geschäfte in unserer Stadt geben früher oder später auf. Und das trifft nicht nur die kleinen, den Elektroladen, die Boutique, das Sportgeschäft und so weiter … Nein, auch die großen, die Einkaufscenter, Baumärkte … Wie ich letztens gelesen habe, machen diese in den USA, der Heimat des Online-Shoppings, jetzt reihenweise dicht.“ Frau Schulze schüttelte den Kopf: „Gar keine Geschäfte mehr, keinen Einkaufsbummel mehr, nur immer große Pakete, die wir jetzt schon massenweise für die Nachbarn annehmen müssen, wenn sie auf Arbeit sind? Eine furchtbare Vorstellung!“ Herr Schulze nickte zustimmend. „Schon jetzt geben die Deutschen 18 Prozent ihres Geldes online aus, also übers Internet. Und bis 2020, also in wenigen Jahren, soll sich der Anteil mehr als verdoppeln. Weil es angeblich ja so bequem ist!“ Peter ergänzte: „Die Zahlen habe ich auch gelesen, Lebensmittel sind aber noch nicht mitgerechnet.“ „Stimmt, Peter, aber Lebensmittel übers Internet verkaufen, das ist momentan bei den Anbietern der große Hype. Bald werden in den Paketen unserer Nachbarn auch Tomaten, Kartoffeln, Nudeln usw. sein! Speisen und Getränke werden auch geliefert. Irgendwann in naher Zukunft müssen wir die Couch gar nicht mehr verlassen!“

Kathrin hatte bisher schweigend an ihrem Brötchen genagt. „Das mit dem Online-Kaufen gefällt dir also nicht, Papa. Aber wie ich gelesen habe, kaufen Männer etwa doppelt so viel im Internet wie Frauen! Und dich als alte Leseratte sehe ich doch ständig am Computer beim Bücherkauf, nicht wahr?“ Herr Schulze lächelte mild. „Also wie die Männer im Allgemeinen so einkaufen, dafür kann ich ja wohl nichts, meine Tochter. Und Bücher kaufe ich im Internet nur, wenn ich sie wo anders nicht kriege. Ansonsten orientiere ich mich im Netz über das Angebot – und gehe in den Buchladen meines Vertrauens, der glücklicherweise noch existiert, und kaufe oder bestelle dort. Im Laden richtige Bücher in die Hand nehmen und darin blättern, das ist jedes Mal ein besonderes Vergnügen!“

Jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden

Peter hob den Finger wie einst in der Schule. „Na klar, eine Stadt ohne Geschäfte, das ist ein Albtraum. Und jeder Euro kann nur einmal ausgegeben werden, entweder im Netz oder vor Ort. Den Euro für den örtlichen Händler, davon wird er investieren, also wieder zum Teil vor Ort ausgeben, er wird Arbeitskräfte bezahlen, und er wird einen Teil als Steuern abgeben, der dann hier wieder für die Stadt und die Einwohner verwendet wird. Der Euro für den Online-Kauf ist weg, vielleicht auf irgendeiner Steueroase, davon sehen wir nichts wieder. Das wird sich auf den Zustand unserer Stadt, auf unser Leben auswirken, unweigerlich! Dass ist ein Teufelskreislauf!“

„Halt, Feli, da geht es nicht hin“ – mit diesen Worten fing Herr Schulze seine Enkelin ab, die zielstrebig der offenen Tür zustrebte. „Hoffen wir nur, dass du einmal nicht in einer verödeten Stadt leben wirst, ohne Geschäfte, ohne Gaststätten, ohne öffentliches Leben – und demzufolge wahrscheinlich auch mit vielen Arbeitslosen. Aber vielleicht entstehen mit neuen Aufgaben auch neue Jobs, auf Anhieb fällt  mir da der Abtransport und das Recycling der unglaublichen Mengen an Verpackungsmüll ein.“

Energisch nahm Frau Schulze das Wort: „Genug geunkt! Ich denke, dass immer mehr Leuten klar wird, dass sie mit ihrem Verkaufsverhalten ein Stück weit bestimmen, wie wir in Zukunft kaufen und leben werden. Und jetzt frühstücken wir erst einmal in aller Ruhe. Heute Nachmittag wollen Bernd und ich ja in die Stadt einkaufen gehen!“