icon hotline

HOTLINE

+49 (3494) 3661 400

icon hotline emergency

NOTFALL- HOTLINE

+49 (3494) 44067

Unser Standort auf der

Google Maps Karte

Schulzes und der Ost-West-Vergleich

Große Unterschiede zwischen den Regionen

Missmutig schaute Herr Schulze durch die Fensterscheiben, an denen das Regenwasser
herunter lief, in den nass-kalten Herbstmorgen. „So ein miserables Wetter“, murmelte er. Seine Frau, die mit ihm am Frühstückstisch saß, schüttelte den Kopf. „Da haben wir einen ganzen Sommer lang geschwitzt und uns wegen der Trockenheit Sorgen gemacht. Und kaum regnet es endlich mal stärker, ist das auch wieder nicht richtig. Dabei fehlt immer noch eine Menge Wasser, um die Reserven wieder aufzufüllen.“ Herr Schulze nickte: „Vielleicht ist es gar nicht das Wetter, was mich ärgert. Weißt du, das Samstagmorgen-Frühstück ist ohne die restliche Familie einfach nicht das Richtige. Die drei fehlen mir eben!“ „Das geht mir doch auch so“, meinte Frau Schulze. „Aber dass sie mal Zeit für einen Wochenendausflug in die Sächsische Schweiz finden, ist doch auch schön.“ Schweigend knabberten die beiden an ihrem Frühstücksbrötchen. Dann raffte sich Frau Schulze auf: „Was denn nun, wollen wir etwa das ganze Wochenende Trübsal blasen? Erzähl mir lieber mal, was du in den letzten Tagen so eifrig am Computer und in Zeitschriften studiert hast.“

Herr Schulze war offensichtlich froh, aus seiner miesen Laune herausgerissen zu werden. Eifrig erklärte er: „Weißt du, ich habe mir einige neuere Statistiken und Studien zur ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung angesehen. War ganz interessant.“ „Was denn zum Beispiel?“, wollte Frau Schulze es genauer wissen.

Ost-West-Vergleich: Wirtschaftskraft und Löhne

Herr Schulze kramte in seinen Notizen. „Hier ist es – nehmen wir mal die Wirtschaftskraft von Ost- und Westdeutschland. Da steht der Osten erst da, wo die BRD Mitte der 80er Jahre stand.“ „Ist ja nicht so toll“, kommentierte Frau Schulze. Herr Schulze grinste: „Weißt du, bei Statistiken muss man immer den Zusammenhang und besonders den Ausgangspunkt beachten.“ Gern lieferte er auch gleich eine Erklärung: „Man muss beachten, dass Westdeutschland damals schon eines der ökonomisch stärksten Länder der Welt war. Und noch etwas kommt hinzu: Damals war der Unterschied zwischen der DDR- und der BRD-Wirtschaft enorm. Jetzt fehlen noch 20 Prozent, zwar konnte der Osten in den letzten Jahren nicht mehr aufholen, aber zumindest mithalten. Ich denke, dass ist eine enorme Leistung der Ostdeutschen – und das wurde erreicht, obwohl viele Menschen nach dem Westen gegangen sind und sich nur wenige Großbetriebe im Osten befinden, um nur zwei der größten Nachteile zu nennen.“

Frau Schulze nickte zustimmend. „Das ist die ökonomische Leistungskraft, okay. Aber wie steht es denn nun mit den Löhnen. Die sind doch im Osten immer noch weitaus niedriger als im Westen, nicht wahr?“ Herr Schulze hatte unterdessen einen anderen Zettel aus dem Papierhaufen hervorgezogen. „Die Ost-Löhne liegen bei Vollzeitbeschäftigten nur bei knapp 80 Prozent des Westniveaus, wir haben hier also etwa das gleiche Verhältnis wie bei der Wirtschaftskraft.“ Frau Schulze dachte kurz nach: „Was ist denn hier der Zusammenhang bzw. Ausgangspunkt, der zu beachten ist? Etwa die weitaus niedrigeren Löhne zu DDR-Zeiten?“ „Das auch“, stimmte Herr Schulze zu. „Hinzu kommen die im Osten vielerorts weitaus niedrigeren Mieten und die im Durchschnitt um etwa sieben Prozent niedrigeren Preise, vor allem bei regionalen Gütern und Dienstleistungen. Unterm Strich liegt das real verfügbare Einkommen bei etwa 92 Prozent des Westniveaus. Das ist etwa das BRD-Niveau von 1989.“ Frau Schulze überlegte: „Wie nun, ist das Glas nun halb voll oder halb leer, wie so gern gefragt wird?“ „Nicht halb voll“, konkretisierte ihr Mann, „zu 90 Prozent voll.“

Gefährdete Regionen

„Hast du noch etwas Interessantes in den Statistiken gefunden?“, wollte Frau Schulze wissen. „Ja, Folgendes: Immer mehr Experten weisen darauf hin, dass der einfache Ost-West-Vergleich zunehmend in die Irre führt. Die wichtigsten Unterschiede gibt es immer weniger flächen­deckend zwischen Ost und West, sondern zwischen den einzelnen Regionen.“ Da Frau Schulze ihn ungläubig ansah, ging Herr Schulze mithilfe eines weiteren Zettels ins Detail. „In einer aktuellen Studie wird Deutschland in 96 Regionen aufgeteilt, von denen 19 als ökonomisch gefährdet gelten. Und davon liegen immerhin acht im Westen. Konkret vier davon im Ruhr­gebiet, dem einstigen industriellen Herzen Deutschlands. Hinzu kommen Bremerhaven, das Saarland, die Westpfalz und Ostholstein. Hätte ich ehrlich gesagt nicht gedacht, dass diese Gebiete so große wirtschaftliche Probleme haben.“

Frau Schulze hatte mitgezählt: „19 weniger 8, also gibt es 11 gefährdete Gebiete im doch wesentlich kleineren Osten.“ Da musste Herr Schulze zustimmen. „Und leider gehört die Region Anhalt-Bitterfeld-Wittenberg dazu. Und weißt du, was die Forscher hier wie in allen ostdeutschen gefährdeten Gebieten als Hauptgefahr sehen?“ Als seine Frau den Kopf schüttelte, ergänzte er: „Kurz gesagt, die Demografie. Weil so viele nach der Wende abgewandert sind, ist die Gesellschaft überaltert und es fehlen Arbeitskräfte, in Zukunft noch mehr als heute.“

„Ausbluten lassen“ oder investieren?

Frau Schulze erinnerte sich an vorhergehende Diskussionen am Frühstückstisch. „Da gibt es doch den eigentümlichen Plan, Investitionen in so genannte Wachstumskerne, wie etwa Leipzig, zu konzentrieren und schwache Regionen ‚ausbluten‘ zu lassen. Was sagen die Experten denn dazu?“ „Soweit ich sehe, ist dieser Gedanke von allen, die sich auskennen, also den Praktikern und Wissenschaftlern, und von allen, die zu entscheiden haben, also den Politikern, als „nicht ziel­führend“, wie das so schön heißt, verworfen worden. Und auch die Studie zu den Regionen, von der wir gerade sprechen, schlägt eine andere Lösung vor: Im Osten würden vor allem Verbes­serungen der Infrastruktur, wie Autobahnen und bessere Zugverbindungen, die schwachen Regionen zunächst als Pendler-Regionen attraktiv machen. Außerdem müssen leistungsfähige Internetverbindungen geschaffen werden, welche auch auf ‚dem platten Land‘ die Ansiedung von Unternehmen ermöglichen. Hinzu kommen Investitionen in Forschungs- und Bildungseinrichtungen, um Innovationen zu fördern und einen leistungsfähigen Nachwuchs zu entwickeln. – Also ehrlich gesagt, das leuchtet mir ein. So etwa sollte eine erfolgreiche Hilfe für momentan noch schwache Regionen aussehen. Wenn dann noch bürokratische Hindernisse abgebaut werden, sollte es gelingen, zu anderen Regionen aufzuschließen.“

Frau Schulze nickte zustimmend: „Wie mein Vater immer zu sagen pflegte: Dein Wort in Gottes Ohr! Nun aber sollten wir mit dem Frühstück weiter machen. Der Kaffee und das Rührei werden kalt – und schließlich wollen wir auch noch Einkaufen fahren!“